Azania (Südafrika): Auf dem Weg zu einem neuen Gewerkschaftsbund

Interview mit Lybon Mabasa, Vorsitzender der SOPA-Partei

Frage: Kannst Du uns kurz die Vorbereitung der Offenen Weltkonferenz in Südafrika darstellen?

Mabasa: Ich muss zu Anfang betonen, dass die Initiative für die Einberufung einer Offenen Weltkonferenz äußerst wichtig für die Arbeitnehmer und Völker in der ganzen Welt ist, besonders angesichts der Situation der offenen und verschärften Krise des US-Imperialismus v.a. nach der Wahl von Donald Trump. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Kriege im Nahen Osten Millionen auf der ganzen Welt in die Flucht getrieben haben, in der die Zerschlagung der afrikanischen Nationen und die in Afrika wütenden Kriege – wovor wir lange gewarnt haben – zur Realität geworden sind.

Das geht einher mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit und Entlassungen in der ganzen Welt und der entsprechenden Existenznot der arbeitenden Bevölkerung weltweit.
Somit ermöglicht die Offene Weltkonferenz, diese Probleme nicht nur in jedem Land, sondern auch auf Weltebene zu behandeln und den Arbeitnehmern und Völkern zu helfen, sich gegen diese Entwicklung zu wehren. Außerdem ist der Aufruf zur Vorbereitung der Offenen Weltkonferenz für uns ein Mittel, bei der Organisierung der Arbeitnehmer in der Arbeiterbe-wegung und in den politischen Organisationen, die kämpfen wollen, zu helfen.

In Azania haben wir uns an die Gewerk-schaftsbewegung gewandt und auch Jugendorganisationen eingeladen, und außer-dem haben wir bestimmten politischen Organisationen den Vorschlag gemacht, die Initiative der Offenen Weltkonferenz zu unterstützen. Denn Krieg und Ausbeutung sind heute zur Realität auf Weltebene geworden.

Mit der Vorbereitung und Organisierung der Konferenz sind wir in dem Sinne täg-lich beschäftigt, dass wir ständig Diskussi-onen in der Arbeiterbewegung mit denje-nigen Kämpfern führen, die einverstanden sind, die OWK zu unterstützen. Seitdem Aufruf für die OWK am letzten 29. Mai veröffentlicht wurde, haben wir unermüdlich bei gewerkschaftlich und politisch engagierten Kollegen für die Unterstützung der OWK geworben. Wir meinen, dass sie den Arbeitnehmern ermöglichen wird, sich direkt in ihren Ländern mit ihren eigenen Positionen zu organisieren, ob in den unterdrückten Ländern oder in den imperialistischen Ländern.

Frage: In welcher Lage befindet sich der Gewerkschaftsbund COSATU?

Mabasa: Seit 1985 war die Mehrheit der Arbeit-nehmer in Azania im Rahmen des COSATU vereint. Seitdem hat sich, trotz unseres Kampfes für die Wahrung seiner Unabhängigkeit sowohl gegenüber der Regierung wie dem großen Kapital, der COSATU der ANC-Politik angepasst (die danach Regierungspartei geworden ist) wie auch den Forderungen des großen Kapitals.

Im Laufe der Jahre erlebten wir eine immer stärkere Einbindung des COSATU in die Programme der Regierung und des großen Kapitals auf Kosten der eigenen COSATU-Pläne.

Deshalb haben immer mehr Gewerkschaften bekundet, dass sie mit dem Cosatu-Kurs nicht einverstanden seien, doch keine von ihnen hatte den Mut, mit den Traditionen und Methoden des Cosatu zu brechen.

Schließlich ist es dazu gekommen, dass die Regierung – in die der Cosatu prak-tisch integriert war – in Marikana auf die Arbeiter geschossen und fast 40 Bergarbeiter getötet hat. Marikana war eine Bas-tion der größten Gewerkschaft des Cosatu, der NUM, der nationalen Gewerkschaft der Bergarbeiter. Die Bergarbeiter revoltierten gegen die NUM und ihre Einbin-dung in die Pläne der Bergbaukonzerne. Tatsächlich hatte die NUM Stellung für die Konzerne, gegen die Bergarbeiter, bezogen. Die NUM hat es nicht nur unterlassen, die Repression der Polizei und der Konzerne gegen die Bergarbeiter zu verurteilen, sondern sie hat diese sogar mit dem gleichen Argument wie die Regierung und die Konzerne verurteilt; ihr Streik für Löh-ne zum Leben sei illegal.

Angesichts dessen haben die im Cosatu organisierten Arbeiter und Bergarbeiter angefangen sich zu fragen, wer ein Interesse an der Anpassung des Gewerk-schaftsbundes an die Regierungs- und Konzernpläne haben könne. Auf dem Cosatu- Gewerkschaftskongress nach dem Massaker von Marikana haben die Arbeiter deutlich gemacht, dass sie nicht länger bereit sind, die Linie des Cosatu-Apparates zu unterstützen. Der Streit hat sich so weit zugespitzt, dass der Cosatu den Ausschluss seines Generalsekretärs Zwelinzima Vavi beschlossen hat.

Frage: Wie weit ist die Gründung des neuen Gewerkschaftsbundes in Südafrika gekommen?

Mabasa: Vavi hat sofort Verbindung mit denjenigen Cosatu-Gewerkschaften aufgenommen, die den Kurs des Gewerkschaftsbundes abgelehnt haben, und auch Kontakt zu den unabhängigen Gewerkschaften aufgenommen, die deutlich die Frage der Gründung eines Konkurrenz-Gewerkschaftsbundes neben dem Cosatu aufgeworfen haben.

Weitere Gewerkschaften traten dann aus dem Cosatu aus, um bei der Gründung eines neuen Gewerkschaftsbundes mitzumachen. Diese Gewerkschaften bildeten schnell die Mehrheit nicht nur innerhalb des Cosatu, sondern auch außerhalb. Bis heute sind es fast 31 Gewerkschaften, die sich klar für die Gründung eines neuen Gewerkschaftsbundes ausgesprochen ha-ben. Die meisten dieser 31 Gewerkschaften stammen aus dem Cosatu, aus dem sie ausgetreten sind, die übrigen sind unabhängig aufgebaute Gewerkschaften.

In einer ersten Bilanz ist klar, dass dieser neue Gewerkschaftsbund schon jetzt grö-ßer sein würde, als es der Cosatu jemals war. Die am Aufbau eines neuen Gewerkschaftsbundes beteiligten Gewerkschaften haben bereits ihre Unabhängigkeit verkündet und ihre Ablehnung, sich an die Politik der Regierung oder Konzerne an-zupassen. Sie haben auch weitere unabhängige Gewerkschaften kontaktiert, die ihre Mitgliedschaft im neuen Gewerkschaftsbund zugesagt haben.

Gegenwärtig befinden sich diese Gewerkschaften in der letzten Vorbereitungsphase für den offiziellen Start des neuen Gewerkschaftsbunds, dessen Grün-dungskongress am kommenden Wochen-ende des 24. Mai stattfinden soll.


Das Gespräch fand am 17. Februar 2017 statt.

Das Interview wurde in der Zeitschrift Informations ouvrieres, Nr. 441, der Unabhängige Arbeiterpartei (POI), Frankreich, veröffentlicht.

Aus: SOZIALE POLITIK & DEMOKRATIE Nr. 372 vom 23. Februar 2017